Debattieren: Demokratie als Sandkastenspiel Geschrieben von Milosz Matuschek Dienstag, 04. Oktober 2005

Debattierclubs sind mehr als nur Kaderschmieden für den politischen Nachwuchs. Sie greifen vor allem im universitären Bereich um sich und bieten eine Form des Austauschs, die letztlich Gemeinsinn fördern hilft. Warum das so ist und warum es auch für andere Parts der Bevölkerung gut wäre sich in Debattierclubs zu engagieren, beschreibt Milosz Matuschek.
Was ist die Debatte?

„Sprache ist eine Waffe“, lautet ein geflügelter Satz von Kurt Tucholsky und in der Tat ist Demokratie, wenn sie Früchte tragen soll, kein Kuschelclub. Das Lebenselement der Demokratie ist die ständige geistige Auseinandersetzung, der Kampf der Meinungen, das Ringen um die Mehrheit. Konsens ist Nonsens. Umso mehr erstaunt es, dass ein so konstitutives Element des demokratischen Prozesses in Deutschland ein Schattendasein führt.

Was die Pflege einer demokratischen Streitkultur betrifft, ist Deutschland Entwicklungsland. Die Vermittlung demokratischer Basisfähigkeiten findet offiziell weder in Schule noch Universität statt. Erst seit etwa fünf Jahren tut sich etwas: Fast 50 Debattierclubs nach Vorbild der traditionellen angelsächsischen „debating societies“ sind an deutschen Universitäten bereits entstanden und versuchen diese Lücke im Bildungskanon zu schließen.

Debattieren (engl. debating) ist die Simulation einer parlamentarischen Debatte des britischen Unterhauses mit einer Regierungsseite und einer Oppositionsseite, je nach Format bestehend aus jeweils drei bis vier Rednern, die sich zu einer Streitfrage einen intelligenten Schlagabtausch liefern.

Die formalen Regeln sind schnell erklärt: Der erste Regierungsredner formuliert einen Antrag zu einem vor der Debatte gestellten Thema (z.B. „Soll eine Quotenregelung im öffentlichen Dienst eingeführt werden?“), der daraufhin von der Oppositionsseite angegriffen wird. Die Redner treten jeweils abwechselnd gegeneinander an, versuchen in sieben Minuten Redezeit die Gegenargumente zu widerlegen, eigene Argumente zu platzieren und nebenbei Zwischenfragen des Gegners sowie des Publikums zu parieren – es ist ein bisschen wie Boxen, nur mit Worten.

Gestritten wird ad rem, nicht ad personam. Es geht nicht darum, den Gegner persönlich anzugreifen, sondern die gegnerischen Argumente zu entkräften und den eigenen Standpunkt glaubwürdiger zu machen. Im Vordergrund stehen dabei die inhaltliche Beweiskraft und Plausibilität der Argumente, die Stringenz der Gedankenführung sowie die Struktur der Rede, wobei die Persönlichkeit des Redners (Stimmführung, Gestik, Charisma) ebenfalls positiv ins Gewicht fallen kann.

Bewertet werden die Reden von einer Jury, sodass ein persönliches Feedback darüber eingeholt werden kann, was beim nächsten Mal verbessert werden kann. Die meisten Debattierclubs in Deutschland nehmen auch an bundesweiten und internationalen Debattenturnieren teil.
Denksport und Toleranztraining

Beim Debattieren geht es darum, wie wir denken, nicht was wir denken. Es geht nicht darum Recht zu haben, oder zu beweisen, dass der Gegner Unrecht hat. Es geht nicht darum, eine ultimative Wahrheit zu finden, oder gar sie für sich zu reklamieren, sondern es geht darum, sich der Wahrheit zu nähern, indem man beide Seiten von ihr betrachtet. Es ist das intellektuelle Spiel von checks and balance des gesprochenen Wortes, keine Suche nach Dogmen.

Debattieren bedeutet immer auch ein „sich reflektieren“ am Gegenüber. Was auch immer unsere Überzeugungen, Maßstäbe und Überzeugungen sein mögen, es gibt für alles eine Gegenmeinung, die ebenso gut argumentativ untermauert sein kann wie die eigene. Der gute Debattierer wird sich in der Debatte von der eigenen Meinung lösen und sich in die Gegenmeinung des anderen versetzen.

Methodisch lehnt sich das Prozedere des Debattierens sowie der Erkenntnisgewinn der Teilnehmer am ehesten daran an, was Jürgen Habermas mit „Diskurstheorie“ überschrieben hat. Da es beim Debattieren nicht um das Auffinden einer einzigen richtigen Meinung geht, ist Wahrheit letztlich das, was nach dem Debattierprozess als „kommunikative Vernunft“ übrigbleibt.

Debattieren ist ganz im habermas’schen Sinne ein herrschaftsfreier Diskurs, zumal nicht am Ende eine Person nach vorne tritt und die Quintessenz der Wahrheit präsentiert, sondern die Quintessenz mehr oder weniger greifbar zwischen den Diskutanten steht. Das Streben nach der Wahrheit bleibt beim Debattieren also im Schwebezustand stehen; die vermeintlich „ideale Position“ kann, so liegt es in der Natur der Sache des Streites, von keiner der streitenden Positionen eingenommen werden, da es nicht vorgesehen ist, Zugeständnisse an die andere Seite, oder gar Kompromissvorschläge zu machen. Die Streitenden müssen ihrer Position treu bleiben und daher zwangsläufig, auch wenn es Ihnen persönlich widerstrebt, um die vermeintlich als richtig erkannte Lösung herumkreisen.

Die ideale Position steht also nach der Debatte – sofern sich qualitativ gut war – immer noch im Raum und ist daher letztlich eine Art unausgesprochener „intersubjektiver Konsens“. Diesen zu erfassen, oder auch nicht zu erfassen ist allein dem Debattierer selbst überlassen.

Debattieren ist damit Denksport und Toleranztraining in einem. Das Thema ist in der Regel unbekannt und wird grundsätzlich erst 15 Minuten vor der Debatte bekannt gegeben. Soviel Zeit haben die Redner, um ihre Hauptargumente zu sammeln und ihre Reden stichpunktartig zusammenzustellen. Ein vollständiges Ausformulieren der Rede ist schon zeitlich unmöglich, so dass die Reden frei gehalten werden müssen.

Besonderer Clou: Wer welche Position bestimmt, entscheidet vor Themenbekanntgabe das Los. Dadurch wird der Redner gezwungen, auch unliebsame Positionen zu vertreten und zu lernen, gegen seine Überzeugung zu argumentieren. Die Erfahrung, argumentativ die Rollen zu wechseln und in den Schuhen der Gegenmeinung zu laufen zwingt dazu, sich mit der Gegenposition auseinander zu setzen. Eine Neujustierung festgefahrener Meinungen und die Relativierung von eventuell gar extremen Positionen ist der geistige Lohn, den der Debattierer bei diesem Gedankenspiel mit nach Hause nimmt.

Was opportunistisch, oder gar sophistisch klingen mag, ist nichts weniger als das Kernelement einer Debatte. Die Fähigkeit zu diesem Gedankenspiel mit vertauschten Rollen verlangt ein hohes Maß an Reife und eine positive innere Distanz zu sich selbst. Wer sich darauf einlässt, wird mit einem unverklärten Blick auf bestimmte Sachgebiete und Themen belohnt und lernt, auf ideologische Schablonen, sowie auf die von Max Weber bei Politikern so bemängelte „sterile Aufgeregtheit“, zu verzichten.
Was kann Debattieren für mehr Beteiligung leisten ?

Debattieren hat mit Reden zu tun. Was also kann Debattieren für Beteiligung leisten, die „über das Reden hinaus“ geht ? In einer Demokratie gehört das öffentliche Reden bereits zur Beteiligung dazu (democracy means government by discussion). Das Debattieren kann daher einen günstigen Nährboden für mehr Beteiligung schaffen:

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Erstens, Debattieren aktiviert den Wissensdurst. Eine gute Grundbildung ist das Fundament einer jeden tragfähigen Argumentation. Für Debatten ist man gezwungen, vielleicht nicht unbedingt tagesaktuell informiert zu sein, aber doch in den meisten Themen über ein solides Zeitungswissen zu verfügen.
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Zweitens, Debattieren lichtet den Wald der Komplexität, indem es Grundpositionen und Antinomien aufzeigt, die sich in nahezu jedem Thema finden (bei der Frage um die Videoüberwachung öffentlicher Plätze stehen sich beispielsweise die zwei Güter Sicherheit und Freiheit gegenüber).
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Drittens, Debattieren in Debattierclubs ist ein einzigartiges Forum für öffentliches Sprechen in einer lockeren Trainingsatmosphäre, es baut Redeängste ab und fördert dadurch zivilgesellschaftliche Courage.

Auch wenn es auf den ersten Blick so scheint, als beträfe das Debattieren Beteiligung nur peripher, so ist es doch die Grundlage für alles, was bei Engagement für eine Sache wichtig ist: eine Problematik zu erfassen, andere Menschen von der Wichtigkeit dieser Problematik mit schlagkräftigen Argumenten zu überzeugen und diese Argumente „einfach und knackig“ so darzulegen, dass diese von allen verstanden werden, ohne lange um den „heißen Brei“ herumzureden.

Eine Umsetzung von Debatteninhalten in konkrete Aktivitäten ist vom Format selbst nicht vorgesehen, sondern muss von den Personen kommen, die sich an der Debatte beteiligen. Daher kann die Motivation der Teilnehmer, für die Debattieren im Grunde eine Freizeitaktivität ist, völlig divergieren. Der eine sieht darin die Möglichkeit, sich „soft skills“ für die berufliche Karriere zu erwerben, ein anderer möchte vielleicht seine Angst vor Referaten überwinden und ein Teil mag sich dadurch für zivilgesellschaftliches oder politisches Engagement rüsten, was einigen britischen Premierministern, wie Tony Blair scheinbar gut getan hat.

Diese Vielfalt ist letztlich vielleicht sogar vorteilhaft, da sich dadurch der Geist des Debattierens als eine neutrale Methode bewahren lässt, ohne von der einen, oder anderen Richtung vereinnahmt zu werden. Menschen, die für Engagement nichts übrig haben, werden auch in ihrer Freizeit in der Regel keinen Debattierclub aufsuchen. Eine große Chance für das Debattieren als Motor für Engagement liegt aber dort, wo Menschen erreichbar sind: so kann es vielversprechend sein, die Idee des Debattierens im Schulunterricht zu praktizieren.

Autor: Milosz Matuschek
Weitere Informationen zur Debattierbewegung:
Webseiten: http://www.debattierclubmuenchen.de;
http://www.vdch.de;
http://www.deutsche-debattiergesellschaft.de;
http://www.zeitdebatten.de;
http://www.jugend-debattiert.ghst.de

Büchertipps:

Milosz Matuschek, „Bürgergesellschaft ist machbar, Herr Nachbar!“ in: „Eine egoistische Gesellschaft? Leben zwischen Individualismus und Solidarität“ S. 183ff, Büchergilde Gutenberg 2004
Hughes, Dominic/Phillips, Benedict, “The Oxford Union Guide to successful public speaking”, Virgin 2000
Trevor Sather, “Pros and Cons, a debaters handbook”, Routledge 1999

Hinweis:
LeMoMo am 31.10.05 im Münchner ÖBZ wird sich mit dem Thema Speakerscorner auseinandersetzen.

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