Gottesvergiftung

„Freut euch, wenn euer Gott freundlicher war.“

Mit diesen Worten, die Tilmann Mosers 1976 erschienene Anklageschrift „Gottesvergiftung“ einleiten, zeigt er, dass sein Werk ein persönlicher Erfahrungsbericht ist, dessen Inhalt nicht auf jeden religiösen Menschen zutrifft. Es ist eine Anklageschrift gegen Gott, der in „Gottesvergiftung“ direkt, in einem einzigen Monolog, angesprochen sowie angeklagt wird. Im zweiten Teil „Die Macht deiner Lieder“ zitiert er Liedtexte des Evangelischen Gesangbuchs.

Moser beschreibt seine Gotteserfahrung als unheilbare Krankheit, eine Vergiftung, als Fessel und bedrängende Übermacht (vgl. S. 10). Er berichtet von einem Teufelskreis des Glaubens. Einmal begonnen, verstricke man sich in ein Angstgefühl, welches noch frömmer und demütiger mache, die Angst aber nicht beseitige.

Der Mensch würde in stetiger Demut sich selbst bis zum Selbsthass erniedrigen und angesichts der göttlichen Übermacht durch ständige Schuldgefühle verzweifeln. Das göttliche Druckmittel sei die Aussonderung. Moser spricht von seiner Furcht vor der Aussätzigkeit, ein Bock unter den Schafen zu sein (vgl. S. 18f). Dieser Kreislauf der Angst habe schon lange begonnen, so schreibt er: „[Du (Gott)] blühst aus der Lebensangst meiner Vorfahren.“ (S. 23)

Er kommt später für sich zu dem Schluss, dass Gott, da er kein Lebenszeichen sende, tot sein müsse (vgl. S. 34 f.). Sein Plan sei es, sich mithilfe dieser autobiographischen Auseinandersetzung von Gott zu lösen, die Fessel des Glaubens zu sprengen. http://de.wikipedia.org/wiki/Gottesvergiftung (auch weitere Zitate im Folgenden)

Religionskrankheiten begegnen uns heute in vielerlei Formen bis zur Esotherik
Religion als illusionäre Wunscherfüllung gilt für jede Orientierung, die einer „höheren Persönlichkeit“ die Entscheidung und Gestaltung unseres Lebens zuschreibt, weil die eigenen Gefühle und Orientierungen verschüttet oder zerstört sind:
Überfordernde Dilemma, Gewissensqualen und Prügel (wie deren Androhung, Eltern „im Auftrag der Ordnung“) und „Sündenstrafen“ machen auf immer „kindlich“ abhängig, zelebrieren dies sogar als Hirten und Schäflein und in heiligen Kämpfen unter strenger Führung.
… „Wir heißen also Glauben eine Illusion, wenn sich in seiner Motivierung die Wunscherfüllung vordrängt.“ (Sigmund Freud, Die Zukunft einer Illusion)
… Das „Unglück der misslingenden Menschlichkeit.“ (S. 12) liegt in der Verweigerung einer Entwicklung zum Erwachsen werden, weil sie mit dem Verlust der Gemeinschaft, der Kirche, des vertrauten Familienstalles verbunden ist.

Mit Moser weiter: „Ich war fromm, weil du der Zugang zu sonst Unzugänglichem warst.“ (S. 61) Moser berichtet von seinem kindlichen Größenwahn und einem Erwähltheitsgefühl, welche beide durch den Glauben befriedigt wurden. Die bestärkenden Gefühle der Erwähltheit berichten alle, die sich mit Mühen von den Fesseln befreit haben, denn das verbleibende „Normal, wie andere sein“ ist zuerst ein Absturz, der gerne mit vielerlei Engagement überdeckt wird.

Sehnsucht nach Geborgenheit und Schutz wird ausgenutzt und besetzt
„Jede Nähe und Intimität war gottesverseucht.“ (Moser S. 30)

Sehnsucht nach Autorität ist eine Perversion
Die Verweigerung des Erwachsen werdens und der Übernahme von Verantwortung wird in der hierarchischen Einordnung zwar überdeckt, wird aber in den zögerlichen und ängstlichen Verhaltensweisen der greisen Kinder in den Bischofs- und Papstrollen deutlich. In ihren Geheimbünden stärken sie sich gegen ihre vermeintlichen Feinde, die ihr anmaßendes „Göttliches Werk“ (Opus dei) nicht verstehen können oder wollen.

Heilung entsteht aus der Einsicht in die verbohrten Denkstrukturen
Was sich Tilmann Moser in der Psychoanalyse selbst eröffnet hat, kann jedeR bisher Religionskranke und Kirchen- oder Sektenabhängige mit etwas Begleitung selbst erarbeiten: Wem bin ich geliebtes Kind gewesen, was ließ mich den Ärger und die Qualen überleben, wie stehe ich selbst in der Welt, die von ihren alten Treiben der Hierarchie und unversöhnlichen Konkurrenz verrückt wird?

Als erwachsene Person aufzustehen, heißt auch, die Krankheitsstrukturen aufzudecken und das befreite Leben in neuen Gemeinschaften zu feiern, von denen einige wirklich ohne Hierarchie und unmündig machenden Abhängigkeiten leben können: Gewaltfreie Kommunikation ist eine Richtung, in der gut zu finden ist …

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