Wo der heilige Geist ausging, redet man mit mechanischen Zungen.
Das suggerierte und nichtvorhandene Geheimnis aber ist öffentlich.
Wer es nicht hat, braucht nur zu reden, als ob er es hätte, und als hätten die anderen es nicht.

http://www.kk.jgora.pl/gutenberg/etextde/Adorno%20Theodor%20-%20Jargon%20der%20Eigentlichkeit.txt

Theodor W. Adorno
Jargon der Eigentlichkeit
Zur deutschen Ideologie

Geschrieben 1962-64
Für Fred Pollock zum 22. Mai 1964

Das „es riecht nicht gut“ Nietzsches wäre erst angesichts der seltenen Badefeste des heilen Lebens ganz zu dem Seinen gekommen:

„Der Sonntag beginnt eigentlich schon am Sonnabend-Abend. Wenn der Handwerker seine Werkstatt aufräumt, wenn die Hausfrau das ganze Haus in einen sauber glänzenden Zustand versetzt hat und sogar noch vor dem Haus die Straße gefegt und von dem in der Woche angesammelten Schmutz befreit wird, wenn zum Schluß auch noch die Kinder gebadet werden, auch die Erwachsenen in einer gründlichen Reinigung den Staub der Woche von sich abspülen und die neue Kleidung schon bereit liegt – wenn das alles in einer ländlichen Ausführlichkeit und Bedächtigkeit besorgt wird, dann zieht eine tiefbeglückende
Stimmung des Ausruhns bei den Menschen ein.“

Unablässig blähen sich Ausdrücke und Situationen eines meist nicht mehr existenten Alltags auf, als wären sie ermächtigt und verbürgt von einem Absoluten, das Ehrfurcht verschweigt.

Während die Gewitzigten sich scheuen, auf Offenbarung sich zu berufen, veranstalten sie autoritätssüchtig die Himmelfahrt des Wortes über den Bereich des Tatsächlichen, Bedingten und Anfechtbaren hinaus, indem sie es, auch im Druck, aussprechen, als wäre der Segen von oben in ihm selber unmittelbar mitkomponiert.

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